Ball oder Scheibe

10.09.07

gegen 8 Uhr

Im Traum Streit einer Journalistin mit ihrer Zeitung:

Sie schildert, wie sie die Oberfläche der Sonne gesehen habe, irgendwo in der Tiefebene stehend, im Vorbeizug großer Vogelscharen, die sich wie Punkte auf dem Sonnenball abzeichneten, der ganze Schwarm wie sachte darüber hinziehende Sonnenflecken.

In großer Begeisterung sagt sie, das habe sie alles gesehen und außerdem noch die winzigen Umrisse von Menschen, vor der Sonnenoberfläche dahinwandernd, nicht nur die Köpfe oder Schultern, die sich gegen den hellen Hintergrund abzeichneten. Es waren ganze Gruppen zu sehen, winzigklein, aber von Kopf bis Fuß vom Licht umrissen.

Das alles, erzählt sie, vor der Oberfläche der Sonne.

Einwand der Zeitungsredaktion: hier dürfe nicht von Oberfläche, sondern müsse von Fläche die Rede sein. Fläche statt Oberfläche der Sonne .

Ein heftiger Disput schließt sich an. Die Frau verweist auf die einleuchtende Kugelgestalt der Sonne, die Sonne als riesiger Ball. Die Zeitungsleute argumentieren mit der Vorstellung der Sonnenscheibe. Die Zuhörer bei dieser Auseinandersetzung sind hin und her gerissen. Einige ergreifen Partei für die Berichterstatterin. Sie habe es ja selbst gesehen, diese ungeheueren Rundungen der Sonne, ihren räumlichen Umfang, den man normalerweise von der Erde aus gar nicht sehen könne. Das, was sie gesehen habe, könne ihr doch nicht einfach abgesprochen werden.

Die Zeitungsleute verweisen auf die Konturen der Menschen, die sich von dem leuchtenden Hintergrund, den die Sonne gab, gleichfalls platt und eindimensional abhoben. Es ist keine Frage des Sehens, sondern der inneren Logik, behaupten sie. Wenn die Menschen, die sich über die Sonne bewegen, dünn und flach erscheinen wie ausgeschnitten aus schwarzem Papier, wie kann man dann eine kugelige, eine nach allen Seiten ausgebauchte Sonne annehmen? Hier muss von einer Scheibe geredet werden, sicherlich nicht Glasscheibe, Brotscheibe, aber Scheibe wie Sonnenscheibe.

In der Zuhörerschaft gehen die Meinungen hin und her. Die Journalistin gewinnt Sympathien durch ihre leidenschaftliche und plastische Schilderung, in der das Gesehene für alle sichtbar wird wie in einer Powerpointpräsentation. Die Zeitungsredaktion bringt Leute auf ihre Seite, denen einleuchtet, dass Scheibe den Begriff einer ausgedehnten, vielleicht unendlich ausgedehnten Fläche mit sich führt. Das passt doch.

Die Gegenpartei: eine Kugel ist doch nicht flächig, eine Kugel hat Oberfläche. Wenn sie flächig wäre, könnte sie doch nicht rund sein.

Vom hin und her der Argumente wacht der Schläfer auf und tritt in den Diskurs, den ein wolkenbedeckter Himmel überschattet.

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